Kaiserslautern - etwas ganz Besonderes

Ich komme aus dem Niemandsland. Wenn ich sage, wo ich geboren bin, entgegnen mir die meisten Menschen: „Mh. Da war ich noch nie.“ Ich zucke dann mit den Schultern, lache und sage: „Da haben Sie auch nichts verpasst.“ Meine Heimatstadt Kaiserslautern ist weder pulsierende Metropole, noch idyllisches Dorf. Mit etwas weniger als 100.000 Einwohnern, mitten im Pfälzer Wald gelegen, ist sie irgendwas dazwischen. Nichts Besonderes.

Ich bin in Kaiserslautern geboren. Meine Eltern auch. Die meisten meiner Bekannten in der Heimat sind die Kinder von Bekannten meiner Eltern. Es geht gar nicht anders, denn hier kennt jeder jeden. Ich habe mit 13 Jahren auf dem Altstadtfest mit einem Typen rumgeknutscht, von dem ich später feststellte, dass er der Sohn der Jugendliebe meiner Mutter ist. Joa, was soll ich sagen… das ist Kaiserslautern.


Neben dem besagten Altstadtfest gibt es nur wenige Pflicht-Termine im Lauterer Veranstaltungskalender. Einer davon ist die jährliche Party an Heiligabend. Wenn das Weihnachtsmenü verputzt, die Geschenke ausgepackt und die Eltern ins Bett gegangen sind, machen sich gefühlt alle kinderlosen Menschen unter 35 Jahren auf den Weg in die einzige akzeptable „Disko“ der Stadt. Früher gab es mal zwei davon, aber seit der Besitzer des einen Etablissements im Knast sitzt, hat die Lauterer Jugend keine Wahl mehr. Ein Club muss reichen.


Im „Luther“ treffen sich an Heiligabend also all die Menschen, die an anderen Orten immer zu hören bekommen, dass noch nie irgendwer in ihrer Heimatstadt gewesen ist. Es ist wahrscheinlich der einzige Abend im Jahr, an dem es in Kaiserslautern möglich ist, ein Kleid und hohe Schuhe anzuziehen, ohne vollkommen overdressed zu sein. Manchmal laufe ich abends durch Berlin und frage mich, wie viele Augen gerollt werden würden, wenn ich in diesem Outfit durch meine Heimatstadt stöckelte. In Berlin fallen mein Stil und ich hingegen höchstens als besonders langweilig und einfallslos auf.


Am Weihnachtsabend jedenfalls sieht man all die Menschen, die man seit letztem Weihnachten nicht mehr gesehen hat. Bei den einen ist das erfreulich, bei den anderen eher weniger. Ich treffe an Heiligabend jedes Jahr alle meine Ex-Freunde, ihre neuen Freundinnen und deren Ex-Freunde. Da entstehen durchaus interessante Dynamiken.

Meine Heimat hat mich stark gemacht.

Was Gerüchte, Lästern und Vorurteile angeht, hat Kaiserslautern ganz eindeutig Dorf-Charakter. Weil jeder jeden kennt, redet auch jeder über jeden. Im Nachhinein bin ich dankbar für all die Erfahrungen: Ich weiß wie es ist, wenn Menschen schon alles über mich zu wissen glauben, bevor sie mich jemals persönlich gesprochen habe. Ich habe früh erfahren wie es ist, auf offener Straße beleidigt zu werden. Ich habe gelernt, dass es nicht wichtig ist, was Andere von dir halten und dass die meisten sowieso denken, was sie wollen. Viele dieser Erfahrungen waren schmerzhaft. Heute habe ich dank ihnen aber ein umso dickeres Fell. Es hilft mir sowohl im Privaten als auch in meinem Beruf. Meine Heimat hat mich stark gemacht.


"In Kaiserslautern gibt es alles", schreibt der Lauterer Autor Christian Baron, „aber alles nur einmal.“ Eine Universität, ein Museum, ein Theater, ein Fußballverein. Die Auswahl an Aktivitäten ist dementsprechend begrenzt. Das ist für mich einer der Hauptgründe, warum ich mir nicht vorstellen kann, jemals wieder dort zu leben. Gleichzeitig ist es auch der Grund, warum ich mich immer so sehr auf meine Besuche in der Heimat freue. Sie bedeuten Ruhe für mich.


In Berlin ist die Zahl der Möglichkeiten grenzenlos. Ich schaue aus meinem Schlafzimmer-Fenster und sehe zehn Restaurants, in denen ich gerne essen möchte. Ich schaue in den Kalender und sehe zehn Veranstaltungen, die ich gerne besuchen möchte. An einem einzigen Abend. Das liebe ich. Und ich hasse es zugleich. Denn ich kann schlecht „Nein“ sagen, versuche deshalb alles unterzubringen und überfordere mich damit ständig selbst. In Kaiserslautern bleibt mir hingegen oft nichts anderes übrig, als mit Freunden oder Familie auf der Couch zu sitzen, Wein zu trinken und in Erinnerungen zu schwelgen und dann festzustellen, dass das viel wohltuender ist als von einer Abendveranstaltung zur nächsten zu sprinten.


Trotzdem täte der Stadt ein wenig mehr Abwechslung definitiv gut. Das sage ich nicht nur, wenn ich an mein 16-jähriges Ich denke, das jedes Wochenende die gleichen Lokalitäten (Gusto, Foxy, Baum) besuchen musste und immer wieder dachte, vor Langeweile bald zu krepieren. Ich sage es auch, weil ich meinem Partner, der aus einer ganz anderen Gegend Deutschlands kommt, stolz meine Heimatstadt zeigen wollte und zerknirscht feststellte, dass die Stadtführung bereits nach 30 Minuten vollbracht war. Das Gymnasium, auf dem ich Abitur machte, die Kirche, in der ich im Kinderchor sang, der Platz, auf dem wir 2006 die Fußball-WM feierten… Alles liegt in einem Umkreis von maximal 4 Kilometern.

Kein Lebenskonzept ist besser oder schlechter als ein anderes.

Auch das Rathaus, das Pfalztheater und die Stiftskirche – die einzigen Bauwerke, die vielleicht gerade noch so als Sehenswürdigkeiten durchgehen könnten – sind schnell besichtigt. Das ist es, was ich meine, wenn ich sage, dass niemand was verpasst hat, wenn er noch nie in Kaiserslautern war. Der Journalist Arno Frank – ebenfalls Lauterer – bezeichnete unsere Heimatstadt in einem Spiegel-Text neulich als „kulturell so gut wie unsichtbar.“


Kaiserslautern ist nicht sexy, nicht schön, nicht modern, nichts Besonderes. Das heißt aber nicht, dass die Bewohner ebenso langweilig sind. Meine beste Freundin und mein bester Freund leben beide nach wie vor in Kaiserslautern. Sie sind kein bisschen weniger cool als meine Freunde in Berlin. Nicht jeder will in einer lauten Großstadt wohnen. Ich finde es schrecklich, wenn Menschen denken, sie seien etwas Besseres, weil sie in Köln, München oder Berlin zuhause sind. Kein Lebenskonzept ist besser oder schlechter als ein anderes.


Meine beste Freundin Elisabeth lebt in einer wunderschönen Altbauwohnung mit bester Lauterer Lage zu einem Preis, für den ich in Berlin kaum eine Abstellkammer bekäme. Sie steht nie in einer vollgestopften U-Bahn, ganz einfach weil es in Kaiserslautern keine U-Bahn gibt. Mit dem Auto ist sie in zehn Minuten bei ihrer Familie. Sie verpasst nie die Geburtstage ihrer Geschwister, weil sie dafür eben nicht erst sechs Stunden durch Deutschland reisen muss. Und wenn Elisabeth joggen geht, läuft sie einfach in den Wald, vorbei an Wiesen und Feldern. Sie muss nicht an Touristen vorbei zu einem kleinen, asphaltierten Park laufen, Elisabeth hat Pfälzer Waldboden unter den Füßen. Für all das beneide ich sie manchmal.


Trotzdem bin ich froh, mein eigenes Zuhause inzwischen woanders gefunden zu haben. Mein Herz schlug schon immer für die großen Metropolen dieser Welt. Früh wusste ich, dass Kaiserslautern nicht mein „für immer“ ist. Ich glaube also nicht, dass ich eines Tages zurückziehen werde. Aber hin und wieder heimkehren, werde ich mein Leben lang. Kaiserslautern hat mich zu der gemacht, die ich heute bin. Weder Großstadtmädchen, noch Dorfkind. Irgendwas dazwischen. Genau wie die Stadt, die für mich eben doch besonders ist, weil sie Heimat bedeutet - etwas ganz Besonderes.


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